
An Sozialen Orten treffen nicht nur unterschiedliche Akteure und Sektoren zusammen, sondern damit verbunden auch unterschiedliche Interessen. Bezeichnend ist, dass Soziale Orte keine Orte der Harmonie sein müssen: Sie ermöglichen lokalen Akteuren trotz oder gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit zu kooperieren und ein gemeinsames Anliegen zu verfolgen.[1] Interessensgegensätze liegen an der Tagesordnung und erfordern gemeinsame Aushandlungsprozesse, bei denen sich Akteure unterschiedlich stark durchsetzen. Mit solchen machtvollen Dynamiken innerhalb Sozialer Orte befasst sich ein aktuelles Forschungsprojekt am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).[2] Das Projekt „Gesellschaftlicher Zusammenhalt als lokale Machtfrage. Über Soziale Orte, kommunale Haushalte und Integrationsarbeit“ geht davon aus, dass sich Machtbeziehungen in der Gestaltung und Kontrolle öffentlicher Güter und Infrastrukturen manifestieren – also in jenen materiellen und symbolischen Bedingungen, die alltägliches Leben strukturieren. Öffentliche Güter wie Nahverkehr, medizinische Versorgung, Bildungsangebote oder kulturelle Räume werden nicht neutral verwaltet, sondern sind Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen Akteursgruppen mit ungleichen Ressourcen, Interessen und Einflussmöglichkeiten.
Der Blick auf die Interaktionen und sozialen Prozesse innerhalb eines Sozialen Ortes, rückt die Bedeutung von pragmatischer Zusammenarbeit, strategischen Allianzen und tragfähigen kommunalen Bündnissen in den Vordergrund, in denen sich Verteilungs-, Gerechtigkeits- und Ressourcenfragen bündeln. Ergo: Für die Sozialforschung sind Soziale Orte Forschungsgegenstände, die zur Beobachtung und Analyse lokaler Machtbeziehungen als Ausdruck des gesellschaftlichen Zusammenhalts einladen.
Am Beispiel der Zukunftswerkstatt Schwarzatal zeigen wir im Folgenden, wie ein Sozialer Ort durch das Zusammenwirken verschiedener Akteure, milieuübergreifender Begegnungen, interessensgesteuerter Aushandlungsprozesse, sowie gemeinsam ausgehandelter Zukunftsperspektiven der Zusammenhalt im Lokalen gestärkt und durch partizipative Prozesse ein demokratisches Miteinander gefördert werden kann.
Möglichkeiten für Begegnung und Sichtbarmachung lokaler Stärken
Die Gründung der Initiative Zukunftswerkstatt Schwarzatal im Jahr 2011 war eine unmittelbare Reaktion auf eine sich zuspitzende regionale Problemlage im strukturschwachen Thüringer Landkreis Saalfeld-Rudolstadt:[3] Der kontinuierlichen Erosion des Lokaltourismus seit den 1990er-Jahren. Eine Vielzahl ortsansässiger Akteure – darunter engagierte Bürger und Vertreter aus Kommunalpolitik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft – erkannten die Notwendigkeit, dem wahrgenommenen Krisenzustand in der einstigen Tourismus Region - dem Schwarzatal – aktiv entgegenzuwirken und gründeten eine Initiative. Daraus ist ein regionales Akteurs- und Organisationsnetzwerk entstanden, mit dem Ziel, den Abwärtstrend aufzuhalten und in Richtung einer zukunftsfähigen Entwicklung gegenzusteuern. Auch ist das Handeln der Initiative auf ein stärkeres Zusammenwirken der Menschen in der Region sowie auf die Nachhaltigkeit der sozialen, wirtschaftlichen sowie landschaftlich-ökologischen Entwicklung des Schwarzatals ausgerichtet.
Ein zentraler Fokus liegt auf der Wiederbelebung des Tourismus – allerdings unter neuen Vorzeichen. Statt Massenkonsum und staatlicher Steuerung wie zu DDR-Zeiten geht es nun um nachhaltige, regionale und qualitativ hochwertige Angebote. Zahlreiche Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus den Orten des Schwarzatals kooperieren mit der Initiative. Sie versprechen sich Impulse zur Aufwertung des Ortsbilds, zur Reaktivierung leerstehender Immobilien und zur Verbesserung der Standortattraktivität. Neben touristischen Impulsen engagiert sich die Zukunftswerkstatt Schwarzatal auch für neue Formen sozialen Lebens im ländlichen Raum. Ziel ist es, der Abwanderung entgegenzuwirken, indem attraktive Wohn- und Arbeitskonzepte für unterschiedliche Zielgruppen geschaffen werden – auch und gerade für (ehemalige) Städter und Städterinnen, die auf der Suche nach alternativen Lebensmodellen sind.
Was macht die Initiative Zukunftswerkstatt Schwarzatal zu einem Sozialen Ort?
Aufbau regionaler Kooperations- und Netzwerkstrukturen: Die Zukunftswerkstatt Schwarzatal Akteurs- und Sektorengrenzen hinweg – Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Kommunalpolitik und Verwaltung sind miteinander vernetzt. Entscheidend ist die Fähigkeit, lokale Entscheidungsträger zur Zusammenarbeit zu bewegen. Eine kompromissbereite Verbindung von Eigeninteressen mit einer regionalen Gesamtperspektive ist hierbei zentral.
Kooperation mit externen Institutionen:Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt in der aktiven Einbindung externer Akteure. Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit dem LEADER-Regionalmanagement sowie der IBA Thüringen, die nicht nur finanzielle Mittel bereitstellten, sondern auch Know-how und Legitimation beisteuerten. Mit dieser Unterstützung kann die Initiative auch größere Projekte umsetzen und ihre regionale Strahlkraft erhöhen.
Aktivierung zivilgesellschaftlicher Ressourcen: Die Zukunftswerkstatt Schwarzatal besitzt eine hohe Anschlussfähigkeit an die dörfliche Lebenswelt im Schwarzatal. Ihre Aktivitäten fördern die Entfaltung bislang ungenutzter Potenziale auf Ortsebene. Ein Protagonist beschreibt dies als das „Freilegen des zivilgesellschaftlichen Humus“ – also die Schaffung von Bedingungen, unter denen Engagement möglich und wirksam wird. Dabei spielt auch die Förderung der kommunikativen Selbstverständigung zwischen den Gemeinden eine zentrale Rolle.
Institutionalisierung als Grundlage nachhaltiger Wirksamkeit:Mit der Gründung eines eingetragenen Vereins im Jahr 2016 wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, um Fördermittel zu beantragen und Projekte eigenständig durchzuführen. Darüber hinaus etablierte die Zukunftswerkstatt Schwarzatal stabile formelle und informelle Beziehungen zu strategisch wichtigen Partnern. Die Institutionalisierung sichert damit nicht nur die Handlungsfähigkeit, sondern verleiht dem bürgerschaftlichen Engagement auch soziale Anerkennung und politische Relevanz. Eine besondere Rolle spielt hierbei die Fähigkeit, Brückenfunktionen zwischen Verwaltung, Politik, Wissenschaft und Bevölkerung zu übernehmen – eine Art kulturelles Dolmetschen, das konzeptionelle Inhalte für verschiedene Zielgruppen übersetzt.
Unsere Forschung am FGZ Standort Göttingen zeigt, dass Zusammenhalt nicht nur ein normatives Ideal, sondern ein Aushandlungsprozess unter ungleichen Bedingungen ist. Wer Zugang zu Ressourcen, zu Deutungshoheit, zu Infrastrukturgestaltung hat, prägt maßgeblich, wie sozialer Zusammenhalt vor Ort entsteht – oder ausbleibt. In der Verbindung von Fallbeispielen, exemplarisch die Zukunftswerkstatt Schwarzatal, und Forschung wird deutlich: Soziale Orte sind nicht nur Orte des Sozialen, sondern auch Orte der Politik. Sie sind Plattformen der Mitgestaltung, Experimentierfelder für alternative Zukunftsentwürfe – und nicht zuletzt: Arenen der Macht, in denen über das gesellschaftliche Miteinander vor Ort entschieden wird.
*Anmerkung:
Der vorliegende Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrags: Herbst, Sarah; Reinhold, Maike; Vogel, Berthold (2025): Begegnung, Aushandlung, Zukunftsgestaltung. Soziale Orte für den demokratischen Zusammenhalt. In: Claudia Neu et al. (Hrsg.), Kommunikative Orte für ländliche Räume. Konzepte und Praxisbeispiele der lokalen Gemeinschaft für Deutschland und Japan, Universität Göttingen, S. 24-27.
Download unter: https://www.uni-goettingen.de/de/document/download/f86dfaf1bc61da138a936b65f3d6100d.pdf/KOLR_WEB_18.09..pdf
Verweise:
[1] Vogel, Berthold (2024): Zusammenhalt als Kunst des Öffentlichen. Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ und die Praxis Sozialer Orte. In: Mittelweg 36, Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Nr. 4–5: 9–18.
[2]Das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) besteht seit 2020 und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert (www.fgz-risc.de). Es handelt sich um ein interdisziplinäres, dezentrales Forschungsinstitut an elf Standorten in Deutschland, das die Erforschung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in seinen historischen, politischen, sozialen und kulturellen Dimensionen zum Ziel hat.
[3]Dort forschte das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) 2017 bis 2020 im Rahmen des BMBF-Projekts „Das Soziale-Orte-Konzept“ und machte sich auf die Suche nach innovativen Orten und Netzwerken, die für neue institutionelle Formen sozialen Zusammenhalts stehen.
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