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Das Wendland ist eine Region, die Möglichkeiten schafft. Der nach Einwohnerzahl kleinste Landkreis Deutschlands, Lüchow-Dannenberg, hat Initiativen hervorgebracht, die sich in ihren Ideen und Zielen unterscheiden, in ihrem Kern aber vereinen: Ihr lokales Wirken, mit dem sie vor Ort zur Daseinsvorsorge beitragen und das Leben im Wendland maßgeblich mitgestalten.
Zusammenhalt durch Protest
Um diesen Teil Niedersachsens besser kennenzulernen, unternahm die Soziale-Orte-Arbeitsgruppe am SOFI im September 2025 eine Dienstreise der besonderen Art. Auf Einladung der Landrätin Dagmar Schulz, erkundete die Gruppe an vier Tagen das Wendland. Denn Soziale Orte lassen sich zwar vom Schreibtisch aus finden, aber nur in der Praxis erleben. Dass das Wendland dabei eine potentielle Fundgrube darstellt, liegt nicht zuletzt an seiner prägenden historischen Vergangenheit.
Die ehemalige Grenzregion ist damals wie heute ein dünn besiedeltes, landwirtschaftlich geprägtes Gebiet, dessen ungünstige Erreichbarkeit, geringes Arbeitsplatzangebot und fehlende Innovationskraft zur Abwanderung der Wirtschaft und kommunalen Finanzierungsproblemen führten. Jahrzehnte nach den Protestbewegungen seit 1977 um den Standort der Gemeinde Gorleben als atomares Endlager konnte bewiesen werden, dass die Ortswahl keine geologische, sondern viel mehr eine politische Entscheidung war (Schröder, 2021). Für die lokalen und nationalen Anti-Atomkraftproteste in den 1980ern war die Räumung der 33-Tage lang existierenden Republik Freies Wendland 1980 der Auslöser. Bis heute sind diese Erlebnisse Identifikationsmarker der Region (BPB, 2020).
All das und noch viel mehr konnte die Soziale-Orte-Arbeitsgruppe im Gorleben Archiv e.V. erfahren, das die Historie konserviert hat und für die Aufklärung heute, einen Anker in die regionale Vergangenheit setzt. Aktuelle politische Fragen rund um zivilen Protest, Demokratie und gesellschaftliche Konflikt(lösungen) werden anhand der vergangenen Protestgeschichte diskutiert und Wissen auf heutige Debattentransferiert. Das alles passiert in der „Werkstatt der Bewegung und Transformation“, die sich damit insbesondere an diejenigen richtet, die die Proteste selber nicht miterlebt haben. Soziale Proteste sind ein demokratisches Grundrecht, ebenso bedeutet Demokratieförderung auch Dialogförderung. Das Gorleben Archiv schafft daher Begegnungen zwischen konfligierenden sozialen Gruppen, wenn im „Gorleben Dialog“ Demonstrant:innen, Polizist:innen und Jurist:innen an einen runden Tisch gesetzt werden. Daran erinnern die gelben Kreuze, die beim Durchqueren der Region an Wohnhäusern, Straßen und öffentlichen Plätzen kaum zu übersehen sind. Ursprünglich als Symbol für den so genannten Tag X, an dem der erste Castor-Transport am 25. April 1995 das Zwischenlager Gorleben erreichte, veranschaulicht das Kreuz auch den Wandel gesellschaftlicher Sorgen und Interessenslagen.
Aufschwung durch Kunst und Kultur
Wie die Vergangenheit mit der Gegenwart in Verbindung steht, symbolisieren ebenso die seit 1946 jährlich stattfindenden sommerlichen Musiktage in Hitzacker. Sie stehen für eine „Vielfalt an Duetts“: Einmal im Jahr verbindet sich alte und neue Kammermusik, Klassik trifft auf Kunstformen, wie Tanz, Jazz und Literatur, nicht nur Kultur und Nachhaltigkeit treten in eine wechselseitige Beziehung, auch Wissenschaft und Kultur können ein Dream-Team bilden. Verschiedene Orte in Hitzacker – Waldfrieden, VERDO, Parkhotel, Freie Schule, St. Johannis-Kirche, „Zwergenstübchen“ – werden zu Orten der Begegnung und Öffentlichkeit. Den Veranstaltenden der sommerlichen Musiktage gelingt, was viele Initiativen auf dem Land herausfordert: Kulturelles Erbe bewahren und zukunftsgerichteten Veränderungen begegnen.
Kunst- und Kulturschaffende zieht es aber auch aus anderen Gründen ins Wendland. Das durfte die Soziale-Orte-Gruppe beim Besuch der Kunsthalle Herbsthausen lernen. Die leerstehenden Höfe und alten Werkbetriebe der Region können in neue Orte des Schaffens und Kreierens überführt werden. Diese Vision hat die zugezogene Künstlerfamilie, die das alte Sägewerk zu einem Künstler-Ort restauriert, der interkulturelle Begegnungen ermöglicht, lokale Teilnahmeangebote schafft und wo das vorhanden ist, was es für die Umsetzung vielfältiger Ideen braucht. Schon während der aktuellen Umbauphase werden Besucher:innen zu stattfindenden Märkten oder Konzerten von internationalen Künstler:innen eingeladen. Das Herzstück bildet das jährliche stattfindende ArtCamp, in dessen dritter Runde dieses Jahr die Themen Heimat und Identität künstlerisch verarbeitet wurden. Auch hier werden vermeintliche Widersprüche – Internationalität und Lokalität, Erhaltung und Erneuerung, Identität und Wandel – miteinander verbunden. Es bleibt spannend, zu welchem Wegweiser sich die Initiative durch das Engagement seiner Visionär:innen in der Region entwickelt.
Lokale Wirkung durch Engagement
Schließlich ging die Route noch einmal zurück nach Hitzacker, zu einem Gemeinschaftsprojekt anderer Art. Im gemeinschaftlichen Wohnprojekt Hitzacker Dorf wird die Idee einer selbstbestimmten, solidarischen und nachhaltigen Wohnform geteilt, deren Bewohnerschaft sich intergenerational und interkulturell zusammensetzen soll. Die Idee sitzt im Gerüst der Wohnhäuser und reicht bis zum sozialen Miteinander. Das ist wortwörtlich gemeint, haben die Bewohner:innen die Lehmhäuser mit hohem Eigenanteil selbst gebaut und dabei eine architektonische Offenheit und Zugewandtheit mitgedacht. Genossenschaftlich organisiert, basisdemokratisch strukturiert, gemeinschaftlich orientiert nach dem Vorbild „Buen Vivir“ sind die Grundprinzipien, auf denen das Projekt fußt. Solche demokratiefördernden, gemeinwohlorientierten sozialen Bindekräfte können sich entfalten, wenn sich die normativen sozialen Ansprüche auch in der gemeinschaftlichen Konfliktlösungsfähigkeit wiederspiegeln. Hitzacker Dorf kann als Miniaturversion betrachtet werden, die nicht frei von gesamtgesellschaftlichen Konfliktlinien ist. Es bleibt zu beobachten, ob dort Lösungen gefunden werden können, die sich potentiell auch in die breitere Öffentlichkeit übertragen lassen.
Nach vier Tagen Wendland wurde die Rückreise nach Göttingen mit vielen erkenntnisvollen Eindrücken angetreten. Was bleibt, ist der Eindruck vielfachen Engagements, die Ziele der Schaffenden, ihr Aktiv-Sein und Ins-Handeln-Kommen, um die Verhältnisse vor Ort zugunsten des Gemeinwohls zu verändern. Das ist nicht selten ein Prozess des Probierens, Verwerfens und Überwindens von Hindernissen, um lokale Wirkung zu entfalten. Das Wendland bringt eindrucksvolle Orte hervor, die Gelegenheit für Austausch und Begegnung und ein aktives Gestalten der lokalen Gesellschaft sind.
Quellen:
Bundeszentrale für politische Bildung. (2024, 20. März). Vor 40 Jahren: Räumung der „Republik Freies Wendland“ | Hintergrund aktuell | bpb.de. bpb.de. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/310887/vor-40-jahren-raeumung-der-republik-freies-wendland/
Schröder, A. (2021, 23. Mai). Kein atomares Endlager in Gorleben - Wie sich das Wendland neu erfindet. Deutschlandfunk Kultur. https://www.deutschlandfunkkultur.de/kein-atomares-endlager-in-gorleben-wie-sich-das-wendland-100.html
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