Noch einmal ausführlich:

Was sind Soziale Orte?

Das wissenschaftliche Soziale-Orte-Konzept wurde von Jens Kersten, Claudia Neu und Berthold Vogel entwickelt (2022). Es richtet sich gegen die „Abwicklung“ ländlicher Räume und reagiert auf die sozialstrukturelle und räumliche Spaltung unserer Gesellschaft. Im Zentrum des Konzepts stehen dessen namensgebenden Sozialen Orte:


„Soziale Orte“ sind Räume und Zusammenschlüsse – z.B. Initiativen oder Netzwerke – die von lokalen Akteuren bzw. Akteursgruppen getragen und genutzt werden, um einander zu begegnen und zusammen Lösungen für konkrete lokale Bedarfe zu schaffen. Räumliche Nähe ermöglicht Kommunikation, Vernetzung und Kooperation. So können unterschiedliche Ressourcen gebündelt werden, die Akteur:innen aus (lokaler) Zivilgesellschaft, (kommunaler) Verwaltung und (regionaler) Wirtschaft einbringen. Soziale Orte schaffen eine lokale Öffentlichkeit, können aber auch überregional sichtbar werden. Die Zahl der Teilnehmenden ist nicht entscheidend; relevant ist, dass nicht Anonymität, sondern ein direkter und persönlicher Austausch zwischen Beteiligten entsteht. Soziale Orte können online ergänzt bzw. koordiniert werden, im Zentrum steht aber die analoge Begegnung.

Orte der Auseinandersetzung

Idealerweise sind Soziale Orte Räume mit niedrigen Zugangsschwellen, sowohl mit Blick auf die Erreichbarkeit wie auch sozial: Sie laden über Milieugrenzen hinweg zu Teilnahme und Engagement ein. Soziale Orte festigen lokale Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt, auch indem sie als Orte der Verhandlung und Konfliktaustragung fungieren. Wenn sich gesellschaftliche Konfliktlagen an Sozialen Orten kristallisieren, kann das produktive Effekte für die jeweiligen Orte und Regionen haben.


Voraussetzungen

Für die Initiierung und Stabilisierung Sozialer Orte sind überdurchschnittlich engagierte und innovationsfähige Akteure erforderlich. Es braucht die „richtigen Leute“ am „richtigen Ort“. Soziale Orte entwickeln sich i.d.R. nicht gegen oder ohne öffentliche (Infra-)Strukturen, sondern mit ihnen. Deshalb ist die Offenheit der (Kommunal-)Verwaltung – in ihrer Rolle als demokratische Infrastruktur – für partizipative Prozesse und innovative Kooperationen mit verschiedensten Akteuren ein zentraler Punkt.


Wirkung

Wenn Soziale Orte überregionale Aufmerksamkeit, Anerkennung und Einbindung in Netzwerke erhalten, übt dies eine erweiternde und stabilisierende Wirkung aus: Es verhindert Engstirnigkeit und Kirchturmdenken, schafft ein Gegengewicht zur lokalen Dominanz einzelner Gruppen, und zieht zusätzliche Ressourcen an. Soziale Orte bestehen nicht situativ für ein einzelnes Projekt, sondern setzen Prozesse in Gang, die nachhaltig wirken, und strahlen auf das lokale Umfeld aus. Nicht selten erfüllen Soziale Orte Funktionen der Daseinsvorsorge. Doch um die konkrete Aktivität herum entsteht stets Begegnung und ein Aufeinander-Bezugnehmen, es findet ein Voneinander-Lernen und Verändern von Routinen statt.


Soziale Orte und Innovation

Soziale Orte können, so sie vor Ort etwas Neues und eine Verbesserung darstellen, als Soziale Innovation gelten. Dies ist eher die Regel als die Ausnahme, sind Soziale Orte doch häufig eine Antwort auf einen Verlust, etwa an Infrastruktur. Aus dieser Mangelsituation heraus finden Akteure vor Ort neue Lösungen. Dabei können auch schon seit längerem existierende Soziale Orte noch als innovativ gelten, wenn sie nach wie vor Innovationspotential für die Gesellschaft aufweisen. Soziale Orte können selbst wiederum (Soziale) Innovationen hervorbringen.


Beispiele

Soziale Orte lassen sich in unterschiedlichen Bereichen finden: Der ehrenamtlich betriebene Dorfladen (Lebensmittelversorgung), der neugegründete Verein zum Weiterbetrieb eines Theaters oder Schwimmbades (Kultur, Sport), der IT-gestützte, selbstorganisierte Mitfahrzirkel (Mobilität). Auch qualitativ Neues kann Gegenstand Sozialer Orte sein, etwa die Lebensgemeinschaft, die auf dem Land einen nachhaltigen Lebensstil ausprobiert, bzw. auch neu Entdecktes, wie ein historisches Bauwerk mit Identifikationswert für die Region, die von einer Bürgerinitiative renoviert und in Wert gesetzt wird, oder die offene Reparaturwerkstatt oder Tauschbörse für Gebrauchtes.

Weiterführende Literatur:

Kersten, Jens, Claudia Neu, und Berthold Vogel. 2022. Das Soziale-Orte-Konzept : Zusammenhalt in einer vulnerablen Gesellschaft. Bd. Band 16. Rurale Topografien Band 16. Bielefeld: transcript.